1. Januar 2019 | 16:22 Uhr Ingvil Schirling

 

Am Ende der Schülerkonferenz wollten alle mit auf das Foto: Ulrich Haase, Schulleiter des Paul-Gerhardt-Gymnasiums, inmitten der Klassensprecherinnen und -sprecher. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Lübben. Der Schulleiter des Paul-Gerhardt-Gymnasiums geht in den Ruhestand. Im Interview spricht er über Meinungsbildung, Mobbing und darüber, warum er nicht als Vertretungslehrer zur Verfügung steht. Von Ingvil Schirling

Herr Haase, wann haben Sie eigentlich das erste Mal Ihren Fuß in das Gebäude gesetzt, das heute das Paul-Gerhardt-Gymnasium ist?

Haase Das war 1970, mit dem Übergang in die Erweiterte Oberschule.

Können Sie sich an den Moment noch erinnern?

Haase Nein. Aber an mein Einschulungsgespräch. Mein Enkel hatte seines kürzlich, und in dem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich mich an meines noch gut erinnern kann.

Nach fast 50 Jahren verlassen Sie dieses Gebäude nun zum Halbjahresende, mit dem heutigen letzten Tag vor den Winterferien. Es heißt, Sie wären nie an einer anderen Schule gewesen – stimmt das?

Haase Nein, das stimmt nicht ganz. Ich war Vertretungslehrer für Mathe und Physik an der jetzigen Liuba-Grundschule, damals die Oberschule 4, und an der früheren Karl-Marx-Oberschule, deren Gebäude nun das ASB-Mehrgenerationenhaus ist. Außerdem: So ungewöhnlich ist es gar nicht, über viele Jahrzehnte mehr oder weniger an einer Schule zu sein. Es gibt aktuell fünf bis sechs Lehrer, die hier auch Schüler waren.

Wir kritisieren so häufig das Bildungssystem – zu wenig Lehrer und anderes mehr. Ist es schuld am Aufschwung des Rechtspopulismus?

Haase Das glaube ich nicht. Schule sollte ein Ort der geistigen Freiheit sein. Aber auch wir hatten – und haben vielleicht auch jetzt – Schüler, die diesen Tendenzen zugeneigt sind. Wir müssen uns von ihnen nicht trennen und tun etwas dafür, dass die Erinnerung an den Holocaust bei jungen Leuten nicht verloren geht. Seit etwa 20 Jahren fahren unsere Elftklässler nach Auschwitz, um die Gedenkstätte zu besuchen. Meine Kollegin Martina Kraft gestaltet das zum richtigen Zeitpunkt – in der dunklen, kalten Winterzeit – und so, dass der emotionale Eindruck besonders nachhaltig ist. Die Tage bewegen die Schüler sehr. Ich glaube, dass es keine bessere Möglichkeit gibt, an den nationalsozialistischen Völkermord zu erinnern. Das wirkt bei allen nach. Es erscheint mir aber auch wichtig, an die darauf folgende Diktatur zu erinnern.

Warum glauben dann so viele auch ganz allgemein den Dingen und der Hetze, die sie so bei Facebook und Co. lesen? Es ist doch in Zeiten sozialer Medien und des Internets wichtiger denn je, Quellen prüfen zu können und Behauptungen zu hinterfragen?

Haase Wir beginnen mit dem Quellenstudium in der Methodenwoche, 7. Klasse. Das ist eine entscheidende Sache, die sich bis zur 12. Klasse durchzieht. Wir leisten, was wir können. Wie es der Einzelne umsetzt, ist eine ganz andere Frage. Es ist heutzutage schwierig, sich eine eigene Meinung zu bilden – ob nun zur Energieerzeugung oder der Schädlichkeit von Dieselabgasen –, die auf Faktenkenntnis basiert und nicht nur darauf, sich auf eine Seite zu schlagen. Dazu ist aber gerade das nötig, was oben angesprochen wurde: Quellenstudium. Manch einer ist zu bequem, das zu tun. Wirklich schlimm wird es aber dann, wenn diejenigen, die sich eine Meinung gebildet haben, dafür auch noch fertig gemacht werden.

Da wären wir dann beim Thema Mobbing.

Haase Mobbing ist auch, aber nicht nur, an Schulen ein Thema. Mit den sozialen Medien wird dieses Problem forciert, ganz bestimmt auch bei uns. Leider merken wir es oft erst, wenn in den Persönlichkeiten der Schülerinnen – machen wir uns nichts vor: Es sind wesentlich häufiger Mädchen betroffen als Jungen – so viel Veränderung vor sich gegangen ist, dass es spürbar ist. Nicht jeder öffnet sich gleich, auch wenn es durch Schülersprecher, Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiter viele Möglichkeiten gibt. Da wird sich übrigens etwas ändern, wenn noch in diesem Jahr Schulsozialarbeiterstellen auch für Gymnasien ausgeschrieben werden.

Vor mehreren Jahren haben wir hier in ihrem Direktorzimmer gesessen und über den drohenden Lehrermangel gesprochen, auch am Paul-Gerhardt-Gymnasium. Wie sieht es heute damit aus?

Haase Wir sind im sprach- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich gut ausgestattet. Es gibt keine Seiteneinsteigerprogramme in nennenswerten Größenordnungen. In den vergangenen Jahren hat sich ein Austausch vollzogen. Viele Kollegen sind in den Ruhestand gegangen, einen adäquaten Wechsel hat es gegeben. Wir helfen an anderen Schulen aus. Etwas anders sieht es mit den Fächern Mathe und Physik aus, da brauchen wir dringend Verstärkung, auch bei Kunst und Musik. Da werden sich die nächsten Probleme auftun, ebenso, was den Nachwuchs für Grund- und Oberschulen sowie Oberstufenzentren betrifft.

Würden Sie denn, wenn Sie bald mehr Zeit haben, im Fall des Falles als Vertretungslehrer einspringen?

Haase Nein.

Nein?

Haase Nein. Es ist mir aber wichtig zu sagen, dass ich nach 40 Jahren meine eigentliche Arbeit immer noch gerne mache: zu unterrichten. Leider wurde der bürokratische Anteil meiner Aufgabe als Schulleiter mit den Jahren entgegen aller Beteuerungen immer mehr. Die Arbeit mit den Schülern, Eltern und Lehrern sollte nach wie vor das A und O sein.

Was ist mit Ihnen als Homo Politicus, als einer, der gerne kritisch denkt? Sehen wir Sie bald in einem politischen Gremium?

Haase Das Ansinnen hatte ich bis vor etwa zehn Jahren. Heute habe ich diese Ambition nicht mehr. Es wäre doch nicht schädlich, wenn sich auch unsere „Parlamente“ verjüngen. Gerade hier bei uns im Haus gibt es einige jüngere Leute, die auch Stellung beziehen. Ich bin in vielen Vereinen vertreten. Das ist zwar außerparlamentarisch, aber ich mache diese Dinge gern. Da können wir für die Stadt auch eine gute Unterstützung geben.

Wenn Sie nach knapp 50 Jahren nicht mehr fast täglich Ihren Fuß in dieses Haus setzen, heißt es auch, das Büro aufzuräumen und Dinge einzupacken. Die Schränke sehen aber noch ganz schön voll aus, nirgendwo stehen Umzugskisten ...

Haase Das täuscht. Den Schrank da hinten habe ich schon komplett ausgeräumt. Nur von meinen Unterrichtsvorbereitungen und diverser Fachliteratur für Mathematik, Physik und Astronomie – davon kann ich mich einfach nicht trennen. Ich habe schon meiner Frau gesagt, dass wir dafür Zuhause wohl ein wenig Platz schaffen müssen.

Mit Beginn des Schuljahres 1990/91 leitete der gebürtige Lübbener Ulrich Haase das Paul-Gerhardt-Gymnasium in Lübben. Seine Laufbahn hatte er als Lehrer für Mathe und Physik 1980 an der damaligen Hans-Beimler-Oberschule begonnen.

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